E-Learning: Einführung in die altgriechische Metrik

 


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"Hexameter"

"Trimeter"

 

 

 

2. Prosodie

2.1 Einführung in die Prosodie

Im "Duden – Die deutsche Rechtschreibung" wird "Prosodie" (griechisch προσῳδία) als "Silbenmessung[slehre]; Lehre von der metrisch-rhythmischen Behandlung der Sprache" erklärt. Die Besprechung der allgemeinen Charakteristika hat gezeigt, dass die altgriechische Metrik auf einer geregelten Abfolge von Längen und Kürzen basiert (Kapitel 1.2). Deshalb ist hinsichtlich der Prosodie insbesondere die Frage von Interesse, wann eine Silbe als lang und wann eine Silbe als kurz zu messen ist.

Folgende Hauptregel gilt:
Eine Silbe ist lang, wenn sie
(1) einen naturlangen Vokal oder einen Diphthong enthält oder
(2) geschlossen ist.

(1) Die griechische Schrift kennt nicht für alle Langvokale ein eigenes Zeichen. Die Vokale η und ω werden von ε und ο unterschieden, die Vokale α, ι und υ hingegen kennen diese Unterscheidung nicht. Zur Verdeutlichung kann bei α, ι und υ höchstens ein Längezeichen verwendet werden, was in den heutigen Textausgaben jedoch nicht üblich ist. Oft ist ein Blick in ein Wörterbuch nötig (z.B. der LSJ), um sich über die Quantität eines Vokals zu informieren.
Die Silben mit folgenden Vokalen oder Diphthongen gelten als "naturlang": ᾱ η ῑ ω ῡ, αι ει ηι οι ωι, αυ ευ ηυ ου ωυ.

(2) Alle Silben mit kurzen Vokalen sind von Natur aus kurz. Sie sind aber in der Regel geschlossen und damit "positionslang", wenn mehrere Konsonanten zwischen diesen Vokal und den nächsten treten. Dabei ist folgendes zu beachten:

Nicht nur für die Quantität der Vokale, sondern auch für die Quantität der Silben werden die Zeichen ‒ (für eine Länge) und ⏑ (für eine Kürze) verwendet. Wenn an einer Versstelle eine Länge oder eine Kürze erlaubt ist, setzt man das Zeichen × (Anceps). Am Ende einer Periode steht oft eine kurze Silbe, wo eine lange Silbe erwartet wird. Die kurze Silbe wird hier durch die Pause gelängt. Man spricht dabei von syllaba brevis in elemento longo oder kurz von brevis in longo.

 

Kurze Übung:

(1) Trennen Sie die Silben ab und bestimmen Sie die Längen und Kürzen in den folgenden zwei Versen (Soph. Ai. 394f.):


σκότος ἐμὸν φάος

Lösung
sko-to-se-mon-pha-os,
⏑ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ‒
Erklärungen: Die Silbe "mon" ist positionslang. Die Silbe "os" am Ende wird durch die Pause gelängt (brevis in longo).

 

ἔρεβος ὦ φαεννότατον, ὡς ἐμοί

Lösung
e-re-bo-so̅-pha-en-no-ta-to-n(h)o̅-se-moi
⏑ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ‒, ⏑ ⏑ ⏑ ‒ ⏑ ‒
Erklärungen: Das ε in φαεννότατον ist positionslang. Die Aspiration in ὡς gilt nicht als Konsonant: Die Silbe "to" bleibt offen und kurz.

 

(2) Der Fluss Skamandros wird in der Ilias oft erwähnt. Welches metrische Problem ergibt sich bei der Einfügung von Σκάμανδρος in einen Hexameter (der Vokal -ά- ist kurz)?

Lösung
Am Anfang des Wortes Σκάμανδρος stehen zwei Konsonanten, welche die vorhergehende Silbe eigentlich längen sollten. Da der Fluss aber selbst mit der Silbenfolge ⏑ ‒ (Σκά ist kurz, μαν ist positionslang) beginnt, würde so die im Daktylus (‒ ⏑ ⏑, kontrahiert auch ‒ ‒) unmögliche Folge ‒ ⏑ ‒ entstehen. In der homerischen Dichtung ist in solchen Fällen ausnahmsweise eine einkonsonantische Wertung der zwei Konsonanten erlaubt. Dies kann durch einen Bogen über den beiden Konsonanten notiert werden: Σ͡κάμανδρος (=ein vorangehender Vokal wird nicht gelängt).

 

 

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Zum Phonemcharakter von ζ vgl. z.B. Rix 1976, §21 und §90c