E-Learning: Einführung in die altgriechische Metrik

 


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"Hexameter"

"Trimeter"

 

 

 

3.3.3 Der jambische Trimeter in der attischen Tragödie

Grundsätzlich kann beim jambischen Trimeter in der attischen Tragödie vom Bauschema bei den frühen Jambographen ausgegangen werden. Allerdings sind die folgenden Einzelheiten zu berücksichtigen.

 

Auflösungen: Auflösungen werden in der attischen Tragödie generell häufiger und sind auch im 3. Metrum erlaubt (... × ⏕ ⏑ ‒). Ausserdem können – insbesondere bei Eigennamen – auch ein Anceps und eine Kürze durch zwei Kürzen realisiert werden.
Bei den verschiedenen Tragödiendichtern und sogar innerhalb des Werks der einzelnen Dichter sind Unterschiede bezüglich der Auflösungen im jambischen Trimeter auszumachen. Von den drei bekanntesten Tragödiendichtern Aischylos, Sophokles und Euripides ist einzig bei Sophokles keine regelmässige Entwicklung feststellbar. Bei Aischylos werden die Auflösungen in seinen späteren Stücken seltener. Wichtig ist die Untersuchung der Resolutionen insbesondere für die Euripides-Forschung. Die Auflösungen nehmen im Verlauf seiner Karriere so stark zu, dass sie einen Hinweis auf die Datierung seiner Stücke liefern können. Eine Untersuchung der Metrik kann also helfen, eine relative Chronologie der Aufführungen von Euripides-Tragödien herzustellen (Details dazu bei West 1982, 86-88; weitere Literatur bei Kannicht 1997, 349).

Brücken: Die Porson'sche Brücke zwischen zwei Längen zu Beginn eines 3. Metrums wird meist eingehalten. Ausserdem meiden die Tragödiendichter Wortende auch zwischen den beiden Kürzen, welche anstelle einer Länge (und seltener: anstelle eines Anceps oder einer Kürze) auftreten. Diese Doppelkürzen sollen nicht auseinandergerissen werden und sind durch eine Brücke verbunden (⏑ ͡ ⏑).

Zäsuren: Die häufigsten Zäsuren sind weiterhin die Penthemimeres und die Hephthemimeres. Bei Euripides ist auch die Mittelzäsur verbreitet, weshalb bei den attischen Tragikern auch auf diesen Einschnitt geachtet werden muss. Vgl. z.B. Euripides, Hercules 456:
ὦ μοῖρα δυστάλαιν' | ἐμή τε καὶ τέκνων
Verse ohne eine dieser Zäsuren sind selten. Vgl. z.B. Aischylos, Persae 501:
στρατός, περᾶι κρυσταλλοπῆγα διὰ πόρον·

Anaklasis: In sehr seltenen Fällen beginnt ein jambischer Trimeter in der Tragödie mit ‒ ⏑ ⏑ ‒, um einen Eigennamen in den Vers einzufügen. Da dies eine "Umbeugung" des ersten Teils ist (‒ ⏑ ⏑ ‒ statt ⏑ ‒ ⏑ ‒), heisst dieses Phänomen "Anaklasis" (zu ἀνάκλασις "Umbeugung"). Vgl. z.B. Aischylos, Septem contra Thebas 488:
Ἱππομέδοντος σχῆμα καὶ μέγας τύπος.

Prosodie: Bei der allgemeinen Besprechung von Muta cum Liquida (vgl. Kapitel 2.3) wurde bereits festgehalten, wie diese Konsonantenverbindung in der attischen Tragödie in der Regel gehandhabt wird. Anlautende (=am Anfang eines Wortes stehende) Muta cum Liquida wird einkonsonantisch (Ausnahme: β, γ, δ + λ, μ, ν), inlautende Muta cum Liquida wird uneinheitlich gemessen.

 

Als Einstimmung in den jambischen Trimeter wird empfohlen, sich Konrat Zieglers Vertonung der ersten 13 Verse von Sophokles, Oedipus Tyrannus anzuhören (vgl. zu dieser CD-ROM bereits Kapitel 1.3).

Der Text ist zum Mitlesen abgedruckt, hier können Sie die Musikdatei herunterladen. Die CD-ROM kann über die Verlagswebseite bestellt werden. Die Vervielfältigung der Datei ist nicht gestattet.

ΟΙΔΙΠΟΥΣ
Ὦ τέκνα, Κάδμου τοῦ πάλαι νέα τροφή, (1)

τίνας ποθ’ ἕδρας τάσδε μοι θοάζετε

ἱκτηρίοις κλάδοισιν ἐξεστεμμένοι;

πόλις δ’ ὁμοῦ μὲν θυμιαμάτων γέμει,

ὁμοῦ δὲ παιάνων τε καὶ στεναγμάτων· (5)

ἁγὼ δικαιῶν μὴ παρ’ ἀγγέλων, τέκνα,

ἄλλων ἀκούειν αὐτὸς ὧδ’ ἐλήλυθα,

ὁ πᾶσι κλεινὸς Οἰδίπους καλούμενος.

ἀλλ’, ὦ γεραιέ, φράζ’, ἐπεὶ πρέπων ἔφυς

πρὸ τῶνδε φωνεῖν, τίνι τρόπῳ καθέστατε, (10)

δείσαντες ἢ στέρξαντες; ὡς θέλοντος ἂν

ἐμοῦ προσαρκεῖν πᾶν· δυσάλγητος γὰρ ἂν

εἴην τοιάνδε μὴ οὐ κατοικτίρων ἕδραν.

 

 

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