E-Learning: Einführung in die altgriechische Metrik

 


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"Hexameter"

"Trimeter"

 

 

 

1. Grundlagen der griechischen Metrik

In dieser Einheit zu den Grundlagen der griechischen Metrik soll zunächst ein erstes, kurzes Beispiel zeigen, in welcher Hinsicht das Skandieren (das taktmässige Lesen) bei der Interpretation griechischer Texte fruchtbar gemacht werden kann. Anschliessend werden die allgemeinen Charakteristika der griechischen Metrik besprochen. Dabei geht es insbesondere um den Unterschied zur deutschen Metrik. Die ersten Zeichen und Abkürzungen, die im Bereich der Metrik verwendet werden, sollen die Grundlage für das nächste Element des Moduls legen, die Einführung in die Grundbegriffe der Metrik.

 

1.1 Wozu Metrik? Ein erstes Beispiel

Wenn sich jemand für ein Studium des Altgriechischen entscheidet, dürfte es in der Regel nicht die Aussicht auf eine Einführung in die Metrik gewesen sein, die diese Person dazu bewogen hat. Gelinde gesagt, ist ein solcher Kurs für viele ein "notwendiges Übel". Aus diesem Grund soll im Folgenden immer wieder versucht werden zu zeigen, welche Bereicherung aus einer genauen Analyse der Metrik eines poetischen Textes entstehen kann. Der griechische Historiker und Rhetorik-Lehrer Dionysios von Halikarnassos (1. Jh. v. Chr.) hat einen Hexameter der Odyssee diskutiert, in dem über das Leiden von Sisyphos gesprochen wird. Es handelt sich um den Vers 598 aus dem 11. Buch. Versuchen Sie, ihn metrisch zu lesen. Sollte dies noch nicht möglich sein, lesen Sie weiter im Kurs. Der Hexameter wird als erstes Versmass ausführlich behandelt werden.

αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής. (Od. 11,598)

"Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor." (Übersetzung von Voss)

Zunächst betont Dionysios, dass der Vers ausschliesslich aus Daktylen besteht, also immer ‒ ⏑ ⏑ zu messen ist. Nichts laufe dem zuwider, dass die Ausdrucksweise "glatt, abgerundet und fliessend" sei (εὔτροχον καὶ περιφερῆ καὶ καταρρέουσαν, vgl. Dion. Hal. Comp. 20,144 ed. Radermacher/Usener).
Der Vers wird auch in den modernen gedruckten Einführungen in die griechische Metrik gerne zitiert. Bruno Snell schreibt dazu (41982, 4): "[...] das ist ‚Mimesis' in sehr wörtlichem Sinn: die konkrete, mit polterndem Geräusch verbundene Szene ahmen die stets drei-silbigen Daktylen und vollends die Lautfolge –donde kylinde– vortrefflich nach." Auch Dietmar Korzeniewski (1968, 29) weist darauf hin, dass "die Daktylen die rollende Bewegung des Steines untermalen".

Die Metrik konnte demnach dazu benutzt werden, um gewisse Inhalte zu "untermalen". Wer sich um eine Analyse der metrischen Komposition bemüht, kann einem Text oft weiteres Sinnpotential entlocken.

 

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