E-Learning: Einführung in die altgriechische Metrik

 


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"Hexameter"

"Trimeter"

 

 

 

2.5 Übung zur Prosodie

Die folgende Übung zur Prosodie setzt Grundkenntnisse zum homerischen Hexameter voraus. Möglicherweise ist es sinnvoll, sie erst nach der Einheit zu diesem Versmass zu lösen.

Durchleuchten Sie die folgenden Verse nach prosodischen Auffälligkeiten! Spätestens bei (6) wäre ein etymologisches Wörterbuch oder das entsprechende Vorwissen von Vorteil: Neben dem Klassiker von Frisk (1960-1972) sei auch Beekes, R., Etymological Dictionary of Greek, 2 Bde. (Leiden/Boston 2010) empfohlen.

Die Beispiele sollen einerseits Übungen für die Prosodie sein, andererseits aber auch zeigen, wie die Metrik bei Fragen der historischen Linguistik dienlich sein kann.

(1) Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος (Il. 1,1)

Lösung
In ἄειδε treffen mehrere Vokale aufeinander, was "Binnenhiat" genannt wird. Allerdings erklärt sich dies durch ein ausgefallenes Digamma (*ἄϝειδε): Es wäre also besser, von einem "Scheinbinnenhiat" zu sprechen. Im späteren Griechischen wurden die Vokale des Wortes für "singen" zu ᾄδ- kontrahiert (z.B. 1. Ps. Sg.: ᾄδω). Die Endsilbe von θεὰ "Göttin" ist naturlang. Im Patronymikon Πηληϊάδεω ist die erste Auffälligkeit im Druck angedeutet: Das Trema über dem Jota deutet darauf hin, dass –ηϊ– nicht als Diphthong, sondern als Länge und Kürze zu lesen ist. Dies erklärt sich wiederum durch den Verlust eines Digammas (*Πηληϝιάδεω). Der Vers diente bei der Besprechung der Synizese bereits als Beispiel: Nach den zwei Kürzen in –ϊάδ- folgt eine Länge in -εω: Die beiden Vokale sind demnach als eine Länge zu lesen. Dies kann von einem Herausgeber folgendermassen notiert werden: Πηληϊάδε͜ω.

 

(2) οὐλομένην, ἣ μυρί’ Ἀχαιοῖς ἄλγε’ ἔθηκε (Il. 1,2)

Lösung
οὐλομένην "den ganz unsel'gen" (so Latacz et al. 2000) gehört zum Verb ὄλλυμαι. Formal handelt es sich um das Partizip des Aorists. Die erste Silbe wurde zu οὐλόμενος metrisch gedehnt, da †ὀλόμενος mit seinen drei Kürzen nicht in den daktylischen Vers gepasst hätte. Das υ in μυρί' ist naturlang, die Endsilbe ist elidiert (eig. μυρία "unzählige"). Syntaktisch gehört es zu ἄλγε'(α) "Schmerzen", dessen Endsilbe auch elidiert ist. Der aus den Elisionen entstehende Hiat wird in beiden Fällen belassen. In ἄλγε' bewirkt Muta cum Liquida eine Längung der ersten Silbe. Dies entspricht der normalen Wirkung dieser Konsonantenverbindung bei Homer.

 

(3) Ὣς φάτο, Μηριόνης δὲ θοῷ ἀτάλαντος Ἄρηϊ (Il. 13,295)

Lösung
Mit θοῷ vor ἀτάλαντος treffen zwei Vokale aufeinander: Bei diesem Hiat tritt keine Hiatkürzung ein und es handelt sich auch nicht um einen Scheinhiat, der durch ein verlorenes Digamma zu erklären wäre. Möglicherweise ist das Iota subscriptum konsonantisch zu lesen: tho-o̅-ja-ta-lan-tos. In Ἄρηϊ ist durch das Trema wieder angedeutet, dass das Ende zweisilbig und nicht als Diphthong zu lesen ist. Hier zeigt das Mykenische, dass kein Digamma ausgefallen ist (im Mykenischen wurden Digammas noch geschrieben; vgl. zu Ἄρηϊ Beekes 2010 s.v.).

 

(4) Ἰδομενεὺς δ’ ἑτέρωθεν ἐνὶ Κρήτεσσι θεὸς ὣς (Il. 3,320)

Lösung
Das Ἰ- in Ἰδομενεὺς ist naturlang. Die Verbindung von Muta cum Liquida im Anlaut von Κρήτεσσι wirkt wie üblich bei Homer zweikonsonantisch: Das -ὶ von ἐνὶ wird gelängt. Die Endsilbe von θεὸς muss aufgrund des metrischen Schemas lang sein. ὣς geht vermutlich auf *jos zurück (zum indogermanischen Stamm des Relativpronomens) und der Vers ist ein Beleg dafür, dass in homerischen Formeln sogar ein geschwundenes *j- Position bilden kann (so Nünlist 2000, 114; anders Beekes 2010 s.v. ὥς 3).

 

(5) ζεφυρίη πνείουσα τὰ μὲν φύει, ἄλλα δὲ πέσσει. (Od. 7,119)

Lösung
ζεφυρίη beginnt mit einem Kurzvokal, der vor einem einfachen Konsonanten steht. (Die Aspiration in –φ– zählt prosodisch eigentlich nicht als Konsonant. Vgl. aber Korzeniwski 1968, 23.) Antike Metriker haben solche Verse, die am Anfang eines Hexameters eine prosodisch unerwartete Kürze haben, στίχοι ἀκέφαλοι ("Verse ohne Kopf") genannt. Bei φύει (vor ἄλλα) ist eine Hiatkürzung auszumachen, beim Binnenhiat in πνείουσα hingegen bleibt die Länge stehen.

 

(6) ἣ δὲ μέγα ἰάχουσα ἀπὸ ἕο κάββαλεν υἱόν· (Il. 5,343)

Lösung
Die Endsilbe von μέγα ist von Natur aus kurz, muss hier aber aufgrund des Versschemas lang gemessen werden. Das geschwundene anlautende Digamma in ἰάχω hat das Alpha positionslang gemacht (vergleiche anlautendes λ-, μ-, ν-, ῥ- und σ-). Die Silbentrennung bei West 1982, 15f. lautet: μέγα ἰάχουσα = me-ga(w)-(w)i-(w)a-kho̅-sa (zu *ϝι-ϝάχω, s. Beekes 2010, s.v. ἰάχω). Zwischen ἰάχουσα und ἀπὸ bleibt ein echter Hiat stehen. Zwischen ἀπὸ und ἕο hingegen ist nur ein Scheinhiat anzusetzen. Denn ἕο lautetet ursprünglich mit *σϝ- an (s. Beekes 2010, s.v. ἕ, ἑ): Die verlorenen zwei Konsonanten erklären dann auch die Längung der Endsilbe von ἀπὸ. κάββαλεν steht für den Aorist κατέβαλεν (mit Apokope des -α von κατά und Assimilation des τ an den folgenden Konsonanten), der mit seinen drei Kürzen nicht in einem daktylischen Vers untergebracht werden könnte.

 

Diese Beispiele sollten eingehend gezeigt haben, dass auch im Bereich der Prosodie nicht immer alle Einzelheiten unumstritten sind. Daraus erklärt sich auch, warum in diesem Abschnitt häufiger konkrete Literaturangaben zu finden sind als an anderen Stellen in dieser Einführung.

 

 

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